Ein Leben ohne Papiergeld und Münzen im Geldbeutel? Trotz des Vormarsches mobiler Bezahlsysteme für uns Deutsche nach wie vor schwer vorstellbar. In Indien, bis vor wenigen Jahren eine reine Bargeldgesellschaft, legt Mobile Payment jedoch in den vergangenen Monaten einen rasanten Aufstieg hin. Der Wandel kam nicht ganz freiwillig: Im November 2016 erklärte die indische Regierung Scheine im Wert von 500 und 1000 Rupien mit sofortiger Wirkung für ungültig – und damit über 80 Prozent des indischen Bargelds (1000 Rupien entsprechen aktuell rund 13 Euro). Mit der Bargeldreform sagte die Regierung unter Premierminister Narendra Modi Korruption und Schwarzgeld den Kampf an. Die alten Scheine mussten umgetauscht oder zunächst auf ein Bankkonto eingezahlt werden. Der Subkontinent, auf dem bis dato gut 90 Prozent aller finanziellen Transaktionen und 98 Prozent aller Konsumausgaben in bar abgewickelt wurden, stürzte kurzzeitig ins Chaos.

Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Die seit der Reform entstandene Bargeldknappheit zwingt die Inder zu Online-Zahlungen. Eine zum Jahreswechsel vom Staat herausgebrachte App für digitales Bezahlen, die Bharat Interface for Money (BHIM), wurde bereits zehn Millionen Mal heruntergeladen; private digitale Bezahlanbieter verzeichnen immense Zuwächse. So beispielsweise das indische Fintech-Unternehmen Paytm, welches mit inzwischen rund 250 Millionen Usern die Anzahl seiner Kunden in den vergangenen zwölf Monaten verdoppeln konnte. Paytm ist eine Art digitale Geldbörse, die sich sowohl in bar sowie über Internet-Banking, Kreditkarte und Bankomatkarte aufladen lässt. Inzwischen denkt auch der zur Facebook gehörende Messenger-Dienst WhatsApp über die Einführung eines digitalen Zahlungsservice in Indien nach. Auch Google will seinen Bezahlservice Android Pay noch 2017 in Indien starten.

Neben der Bargeldreform wird als weiterer Treiber für die Digitalisierung Indiens das Aadehaar-Programm betrachtet. Seit 2009 wurden 98 Prozent der 1,25 Milliarden Inder in einer zentralen Datenbank erfasst. Neben Namen, Foto und Herkunft werden auch biometrische Daten gesammelt, jeder Inder erhält eine eigene digitale Aadehaar-Nummer. Damit werden künftig sogar hochkomplexe Geschäftsabschlüsse per Iris-Scan oder per Fingerabdruck möglich. Die Regierung stattete Besitzer von Aadehaar-Karten mit gebührenfreien Bankkonten aus. Mehr als 200 Millionen Inder haben bereits ein Konto, das mit der Aadehaar-Nummer verknüpft ist. Die indische Zentralbank kündigte zudem unlängst die Einführung eines einheitlichen Bezahlsystems auf Basis der digitalen Kennnummer an.

Rasante Modernisierung des Zahlungsverkehrs
Bis zur Bargeldreform fristeten moderne Zahlungsmethoden, E-Payment und Mobile Banking vor allem außerhalb der Metropolen Delhi und Mumbai ein Schattendasein. Experten bezweifeln, dass sich dies kurzfristig grundlegend ändern wird. Das hat auch mit der mangelnden Netzabdeckung zu tun: Nur knapp 35 Prozent von Indiens Bevölkerung verfügt über einen Internetzugang, mit 340 Millionen liegt die Zahl der Smartphone-Nutzer bei gerade einmal einem Drittel der Bevölkerung. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Laut Schätzungen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC besitzen 233 Millionen Inder kein Bankkonto.

Dennoch sind die Prognosen für das Segment Mobile Payment in Indien sehr optimistisch: 2017 beträgt das Transaktionsvolumen etwa 71 Millionen Euro. Laut Prognose wird im Jahr 2021 ein Transaktionsvolumen von 2.317 Millionen Euro erreicht; dies entspricht einem jährlichen Wachstum von 138,7 Prozent.

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Über den Autor

Christian ist seit 2011 Geschäftsführer bei der Star Finanz und verantwortet u.a. die Bereiche Markt und Finanzen. Beruflich und privat ist er leidenschaftlich interessiert an Banking- und Payment-Themen und vor diesem Hintergrund umfassend über aktuelle Entwicklungen und Trends informiert. Abseits des Büros engagiert sich Christian beim Kolpingwerk, ein katholischer Sozialverband, der sich u.a. um Jugendarbeit und soziale Projekte kümmert. Darüber hinaus verstärkt er die Tischtennis-Kreisligamannschaft seiner Heimatstadt, wenn es der Terminkalender zulässt.

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