Wenn es um digitale Finanzlösungen geht, hängt China die internationale Konkurrenz zunehmend ab. Laut dem globalen Ranking „Fintech 100“ der Unternehmensberatung KPMG befinden sich unter den zehn weltweit erfolgreichsten Fintechs fünf Unternehmen aus China.[1] Hierzu gehören u.a. der Online-Kreditgeber Qudian oder auch Ant Financial, die Finanztochter des chinesischen Online-Handelskonzerns Alibaba. Vor kurzem berichtete das „Wall Street Journal“ das Ant Financial, zu dem auch der mobile Bezahldienst Alipay gehört, eine weitere Finanzierungsrunde über neun Milliarden Dollar vorbereitet. Die enorme Bewertung von Ant Financial und weiterer chinesischer Fintechs ist Ausdruck der inzwischen hohen Bedeutung bzw. herausragenden Marktstellung dieser Unternehmen.

Ökosysteme und Plattformen

Generell zeichnet sich die Fintech-Landschaft in China dadurch aus, dass es, anders als in vielen Ländern Europas, eine Reihe von Unternehmen bereits geschafft haben, Ökosysteme aufzubauen und daran unterschiedliche Dienstleistungen anzubinden. Diese gehen häufig über klassische Angebote im Finanz- und Versicherungsbereich hinaus und decken weitere Bedürfnisse der Nutzer ab. Im Rahmen einer App stehen dem Anwender so bspw. Chatfunktionen genauso zur Verfügung wie eine digitale Vermögensverwaltung oder Payment-Möglichkeiten. Ein prominentes Beispiel ist WeChat vom chinesischen Unternehmen Tencent. Ursprünglich als reiner Chatdienst, vergleichbar mit WhatsApp, gestartet, regeln mittlerweile rund eine Milliarde Chinesen praktisch ihr Leben über die Anwendung. So kann man mit Freunden chatten und sich bspw. zu einem Kinobesuch verabreden, per App direkt die Karten bestellen und bezahlen, einen Arzttermin vereinbaren, online shoppen oder auch die Stromrechnung begleichen. Alles geschieht unmittelbar über das Smartphone, Medienbrüche sind somit ausgeschlossen.

Vollständige Offenlegung von Daten

Es entstehen somit gewaltige Plattformen, die aufgrund ihrer hohen Verbreitung sukzessiv weitere innovative Startups anziehen. Auf diese Art und Weise wächst die Plattform ständig weiter und orientiert sich dabei an den konkreten Bedürfnissen der Zielgruppe. So hat bspw. Alipay eine Art Kreditbewertung eingeführt. Auf Basis der Dinge, die ein Nutzer kauft und die Offenlegung seiner Daten bekommt er ein bestimmtes Rating. Dadurch erhält er Zugang zu weiteren Services. So ist z. B. bei der Anmietung eines Autos keine Kaution mehr notwendig. Auch ein Leihfahrrad kann problemlos mittels QR-Code benutzt werden, obwohl der Nutzer noch nie in einem geschäftlichen Verhältnis zur Verleihfirma stand. Er muss einfach den Code am gewünschten Fahrrad scannen und das Schloss springt auf. Dadurch das der Nutzer all seine Daten preisgibt und seine Handlungen das generelle Kreditrating beeinflussen, wird darauf vertraut, dass der Nutzer das Fahrrad ordnungsgemäß wieder zurückbringt.

Kreditvergabe innerhalb weniger Minuten

Ob Bezahlen, Überweisen, Kreditvergabe oder Versicherungsabschluss – in kaum einem anderen Land wird in punkto Finanzdienstleistungen und Versicherungen digital bereits soviel abgewickelt wie in China. Rund 500 Millionen Chinesen bezahlen inzwischen vornehmlich mit dem Smartphone. Auch die Kreditvergabe läuft bspw. dank des Startups Dumiao innerhalb weniger Minuten. Häufig beantragen Kunden direkt im Laden einen Kredit bei Dumiao, um sich das gewünschte Produkt kaufen zu können. Die Anfrage wird per App oder über ein Online-Portal gestellt. Der Antragssteller erhält nach ein paar Minuten eine Gutschrift bzw. die Information, dass sein Antrag abgelehnt wurde.

Positive Entwicklung erwartet

Die Gründe für den Fintech-Boom in China sind vielfältig. Einerseits haben Chinesen eine hohe Affinität zu Online-Aktivitäten. Andererseits genießen etablierte Finanzinstitute, anders als bspw. in Deutschland, kein sonderlich hohes Vertrauen, da sich die meisten von ihnen in staatlichem Besitz befinden. Darüber hinaus sind die Sicherheits- bzw. Datenschutzbedenken in China weitaus weniger stark ausgeprägt als hierzulande. Zudem haben Chinas Banken die Kreditvergabe an kleinere, private Unternehmen in der Vergangenheit häufig verweigert. Daraufhin suchten diese nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten und sorgten mit ihrer Nachfrage dafür, dass erste Startups mit entsprechenden Angeboten auf den Markt kamen.

Auch für die Zukunft gehen Experten von einer positiven Entwicklung des chinesischen Fintech-Marktes aus. So erwartet die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers insbesondere in den drei Bereichen Consumer Banking, Investment- und Vermögensmanagement sowie Überweisungen und Zahlungen in den kommenden fünf Jahren vermehrt Lösungsangebote von Seiten der Fintechs.[2] Laut Statista wird zudem das Gesamttransaktionsvolumen im chinesischen Fintech-Markt von rund 1,4 Milliarden Euro in diesem Jahr auf etwa 3,2 Milliarden Euro im Jahr 2022 zunehmen – dies entspricht einem jährlichen Wachstum von fast 23 Prozent.[3]

Quellen:

[1] https://home.kpmg.com/at/de/home/media/press-releases/2017/11/kpmg-h2ventures-ranking-fintech100.html

[2] https://www.pwccn.com/en/financial-services/publications/fintech/global-fintech-survey-china-summary-jun2017.pdf

[3] https://de.statista.com/outlook/295/117/fintech/china#

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Über den Autor

Thomas ist in der Unternehmenskommunikation der Star Finanz für Social Media verantwortlich. Wenn er nicht gerade auf der Suche nach neuen Themen in den Bereichen Banking, Payment und E-Commerce ist, tobt er sich u.a. auf dem Basketballplatz aus.

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