Gleich zu Anfang sei gesagt: Wir sprechen über eine Zielgruppe, die mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung umfasst, also über mehr als vier Milliarden Menschen. Ein Riesenmarkt. Und trotzdem ein unterversorgter Markt. Die Rede ist von Femtech.

Was ist Femtech?

Femtech ist eine auf Frauen ausgerichtete Technologie, die sich in der Regel mit Frauengesundheit befasst. Die Themen sind beispielsweise Menstruationsbeschwerden, Probleme in den Wechseljahren oder unerfüllter Kinderwunsch. Die Produkte sind häufig Apps oder Smart Devices, die von Start-ups im Gesundheitsbereich entwickelt werden, welche mit Venture Capital unterstützt werden.

Und damit sind wir beim Kern des Problems angekommen: Die medizinische Forschung stellt seit Jahrhunderten den männlichen Patienten in den Mittelpunkt. Nur 4% aller Forschungs- und Entwicklungsgelder für das Gesundheitswesen fließen in die Gesundheit von Frauen. Nebenwirkungen oder Dosierungen von Medikamenten beziehen sich auf Männer, bzw. männliche Probanden, „Frauenthemen“ wie eben Menstruation oder unerfüllter Kinderwunsch werden kaum erforscht. Dazu kommt, dass Start-ups meistens von Männern gegründet und von männlichen Investoren finanziert werden, und die tun sich mit solchen Themen eben schwer.

Investoren noch zurückhaltend

Auch Finanzexpertinnen und -experten sehen das so: Laut dem Beratungsunternehmen Frost & Sullivan hat die Femtechbranche 2025 ein Marktpotenzial von 50 Milliarden US-Dollar (rund 44,5 Milliarden Euro). Dennoch sind die Investitionen bisher zurückhaltend, auch wenn sie in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind. Europaweit gab es 2011 lediglich zwei Wagniskapitaldeals im Femtechbereich. 2019 waren es 22. Dabei ging es um etwa 250 Millionen Euro.

Darüber hinaus werden Femtechunternehmen überdurchschnittlich oft von Frauen gegründet, die es typischerweise schwerer haben, an eine Finanzierung zu kommen. Zu diesem Ergebnis kommt auch der Female Founders Monitor 2020 des Bundesverbands Deutsche Startups. Unter weiblichen Gründerinnen erhielten demnach nur etwa 1,6 Prozent Wagniskapital. Unter Männern waren es 17,6 Prozent.

Femtechs an der Schwelle zu enormem Wachstum

Dennoch sieht Frost & Sullivan Femtechs an der Schwelle zu einem enormen Wachstum. Denn die Nachfrage ist groß. Schätzungen zufolge werden jedes Jahr rund 200 Milliarden US-Dollar für Femtech-Produkte ausgegeben. Darüber hinaus steigen die Investitionen in Gesundheits-Start-ups aktuell stark an, vermutlich nicht trotz, sondern wegen des Coronavirus.    Mit dem Ziel der besseren Vernetzung von Femtech-Gründerinnen und -Gründern ging im letzten Jahr die Plattform Femtech Insider an den Start. Sie stellt Femtech-Unternehmen vor, vermittelt Kontakte und informiert über Investoren und Business Angels im Bereich Femtech. Darüber hinaus stellt die Plattform vielversprechende Anwendungen vor, die die gesundheitlichen Probleme von Millionen von Frauen verbessern können.

Clue

Die Gründerin von Clue, Ida Tin prägte den Begriff Femtech 2016. Clue erfasst mehr als 30 Gesundheitskategorien, einschließlich Menstruation, Stimmung, Aktivität, Haar, Haut und Verdauung, und verwendet die Daten, um den Eisprung und die Menstruation vorherzusagen. Die App enthält auch wissenschaftlich fundierte Informationen über den weiblichen Zyklus.

Clue unterstützt die Forschung mit seinem beispiellosen Datensatz: Anonymisierte Daten von acht Millionen Nutzerinnen in 180 Ländern werden bei Forschungsvorhaben zur Frauengesundheit eingesetzt. Im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Stanford University werden beispielsweise Menstruationsschmerzmuster analysiert und erforscht, wie sie Krankheiten vorhersagen können.

Elvie

Elvie ist ein britisches Start-up, welches intelligente Geräte für die Gesundheit von Frauen entwickelt.

Das Flaggschiff ist ein Kegel-Trainer, der zu einer besseren Blasenkontrolle beiträgt, die Intimität verbessert und die postnatale Genesung beschleunigt. Er wird von über 1.000 Gesundheitsexperten empfohlen. Ganz neu von Elvie entwickelt ist eine leise, tragbare Milchpumpe, die in einen Standard-Still-BH passt und keine Schläuche oder Drähte benötigt. Dadurch ist sie wirklich alltagstauglich und äußerst diskret. Die Vision? Bequemes Pumpen überall und jederzeit – im Bus, im Meeting oder zu Hause.

Brarista

Brarista ist eine App, die perfekt sitzende BHs empfiehlt. Die App nutzt die Smartphone-Kamera, um den Oberkörper der Anwenderin zu scannen, ermittelt die perfekte BH-Größe und leitet auf Wunsch zu Online-Shops weiter. Denn: Die meisten Frauen tragen die falsche BH-Größe. Im besten Fall bedeutet dies unbequeme, wenig schmeichelhafte Dessous. Im schlimmsten Fall können schlecht sitzende BHs dauerhafte Rückenprobleme verursachen.

Brarista kann häufige Symptome eines schlecht sitzenden BHs identifizieren, wie z. B. einen Rückenriemen, der hochrutscht.

NextGen Jane

Eine Blutuntersuchung ging bislang immer mit einem invasiven Verfahren einher – unnötig, befanden die Gründer von NextGen Jane, die das Menstruationsblut für diagnostische Zwecke nutzen wollen. Das Start-up hat einen smarten Tampon entwickelt, der nach einer Tragezeit von rund zwei Stunden in ein Test-Kit gelegt wird und Auskunft über gesundheitliche Probleme oder Dispositionen für selbige geben soll. In den nächsten Jahren soll NextGen Jane zur Diagnose von Gebärmutterkrebs und anderen Erkrankungen eingesetzt werden können.

Die potenziellen Vorteile sind enorm. Mit dem Smart Tampon-System ist es möglich, jeden Monat eine Diagnose durchzuführen während traditionelle Screenings im besten Fall ein Mal im Jahr stattfinden. Dies bedeutet, dass Krankheiten wie Endometriose, Myome und Krebs früher und bequem von zu Hause aus erkannt werden können.

Grace

Das smarte Armband Grace wurde von dem britischen Industriedesigner Peter Astbury entwickelt, um aufsteigende Hitzewallungen in den Wechseljahren zu tracken und zu lindern. Bei der Anwendung werden drei im Armband integrierte Sensoren aktiviert, die eine Hitzewallung erkennen, bevor sie auftritt. Das Armband beginnt zu kühlen und die Hitzewallung kann durch die Reaktion des Körpers auf die plötzliche Kälte vollständig abgewendet werden.

Ava

Ava wurde in der Schweiz gegründet. Mit einem multisensorischen Armband hilft Ava, die fruchtbaren Tage der Frau zu ermitteln, ohne gezielt die Temperatur messen zu müssen. Das Ava-Armband erfasst die Hauttemperatur, den Ruhepuls, die Herzfrequenzvariabilität und die Atemfrequenz in der Nacht, während sich der Körper in Ruhe befindet, und vergleicht die Daten mit bekannten Fertilitätsmustern.

Fazit: Femtech ist keine Nische. Und es wird Zeit, dass Investoren und Gründer aufhorchen. Warum nutzt eine Frau beispielswese Ava? Sie nutzt es, wenn es mit dem schwanger werden nicht klappt. Bevor sie eine finanziell und emotional herausfordernde Kinderwunschbehandlung startet, findet eine Frau es vielleicht eher sinnvoll, ganz genau zu wissen, wann die fruchtbaren Tage sind. Und unerfüllter Kinderwunsch ist ein Riesenthema: Etwa jede sechste Partnerschaft in Deutschland bleibt ungewollt kinderlos. Es geht also um über zwei Millionen Paare.

Wechseljahresbeschwerden betreffen zwei Drittel aller Frauen, d.h. es gibt jetzt in diesem Moment vier Millionen Frauen zwischen 45 und 55 Jahren in Deutschland, die gern weniger unter Hitzewallungen leiden würden.

Liebe Gründerinnen und Gründer: Hört Euch einfach einmal in Eurem Bekanntenkreis um. Diese Themen sind groß, es gibt eine Nachfrage. Ja, gut, Blasenschwäche ist nicht hip, aber das trifft auf viele Gesundheitsthemen zu. Also traut Euch.

Quellen:

https://t3n.de/news/femtech-europas-coolste-branche-1185733/

https://femalefoundersmonitor.de/

https://healthtransformer.co/startup-healths-2020-midyear-funding-report-shows-a-robust-diversified-health-innovation-market-8ecd7cfd968d

https://femtechinsider.com/

https://e-health-com.de/details-news/femtech-hat-potenzial-zur-revolutionierung-des-marktes/

https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/sechs-beispiele-fuer-zukunftsfaehige-femtech-anwendungen/

https://techround.co.uk/startups/10-femtech-startups-to-watch-in-2020/

https://t3n.de/news/halbe-welt-nische-femtechbranche-1297580/

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Über den Autor

Thomas ist Teamleiter Unternehmenskommunikation bei der Star Finanz und hier für Pressearbeit und Social Media verantwortlich. Wenn er nicht gerade auf der Suche nach neuen Themen und Trends in den Bereichen Banking, Payment und Digitalisierung ist, tobt er sich u.a. auf dem Basketballplatz aus.

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