Sind wir abhängig von zentralen Finanzsystemen? Spätestens seit der Finanzkrise 2008 steht diese Frage im Raum. Denn unser bestehendes Bankensystem beruht darauf, dass einige Wenige Entscheidungen treffen, die Milliarden Menschen beeinflussen. Doch in der Finanzwelt bahnt sich eine Revolution an, die unser gesamtes bestehendes System auf den Kopf stellen könnte: Decentralized Finance (DeFi). Das Versprechen: Dezentralisierung und Demokratisierung, Zensur-Resistenz und Transparenz.

Besonders für Halter von Kryptowährungen ist das neue Konzept interessant, denn durch DeFi-Anwendungen können sie mit ihren Coins arbeiten und Gewinne realisieren, statt diese nur in der Wallet zu halten und auf Wertsteigerungen zu hoffen. Und die Nachfrage wächst: Im August 2021 beträgt die Marktkapitalisierung des DeFi-Sektors laut Chrystal Blockchain 91 Milliarden US-Dollar.

Smart Contract statt Drittpartei

Das neue System basiert auf der Blockchain-Technologie, die einen sicheren, uneingeschränkten und erlaubnisfreien Zugang zu Finanzanwendungen ermöglicht und Banken und sogar FinTechs vielleicht bald überflüssig macht. Aber wer ersetzt diese Drittparteien?

Die Drittpartei wird durch sogenannte Smart Contracts ersetzt. Wenn zwei Parteien einen Smart Contract abschließen, beispielsweise eine Vertragspartei der anderen einen Kredit gewährt, wird dieser Vertrag auf einer Blockchain notiert und somit auch die Konsequenzen, wenn der Vertrag nicht eingehalten wird. Was in dem Smart Contract genau steht, entscheiden die Parteien, die den Vertrag aufsetzen. Der Smart Contract stellt dann die neutrale, emotionsfreie Drittpartei, die bei Vertragsbruch automatisch handelt und beiden Parteien Sicherheit gibt.

Ist im Smart Contract zum Beispiel festgehalten, dass bei Nichtzahlung eine Mahnung verschickt wird, wird diese automatisch vom Smart Contract initiiert. Außerdem kann festgelegt werden, dass der ausstehende Betrag direkt eingezogen wird, was dann ebenfalls durch den Smart Contract in Auftrag gegeben wird. Und das sind nur zwei Beispiele; die Möglichkeiten, wie Smart Contracts verfasst werden können, sind vielfältig.

decentralized Finance

Vielfältige Möglichkeiten

Keine Gebühren, keine Bürokratie und keine Zugangshindernisse sind nennenswerte Vorteile von Decentralized Finance. Alle Menschen, die Zugang zu einem internetfähigen Gerät haben und eine digitale Wallet besitzen, können die Finanzdienstleistungen in Anspruch nehmen. Es gibt DApps (dezentralisierte Apps) wie beispielsweise MetaMask, die im normalen AppStore vom Smartphone kostenfrei zur Verfügung stehen. Über MetaMask kann man sich eine digitale Wallet erstellen und damit am dezentralisierten Finanzmarkt teilnehmen.

Das System hat darüber hinaus weitere Vorteile, denn eine Dezentralisierung der Finanzwelt schwächt die ausgeprägte Monopolposition der zentral organisierten Banken und reduziert ihre Schwachstellen. Die Nutzer erhalten Zugang zu vielen neuen Kapitalquellen, denn Kredite können unabhängig von Finanzinstituten durch Privatpersonen oder Unternehmen vergeben werden. Und über DEX und DAO, dezentrale Börsen und Fonds, auf die sich über DApps zugreifen lässt, kann zu geringen bis gar keinen Gebühren investiert und gehandelt werden.

Das System bietet in der Theorie außerdem die Möglichkeit, Wahlen zu organisieren und ebenfalls durch Smart Contracts vor Wahlbetrug zu schützen. Auch Versicherungen können digitalisiert werden. Beispielsweise zahlen die Versicherungsnehmer monatlich in einen Smart Contract ein und sobald es zum Schadensfall kommt, wird automatisch der benötigte Betrag ausgezahlt, da diese Bedingung in den Smart Contracts hinterlegt ist.

Entsteht ein neues Finanzökosystem?

Ein Finanzökosystem ganz ohne Banken ist zum aktuellen Zeitpunkt unwahrscheinlich. Die junge Technik steht noch vor einigen Herausforderungen: Es gibt keine Sicherheitsnetze oder Einlagensicherungen und es bestehen technische und ökonomische Risiken. Dennoch haben einige Banken das Potenzial von Kryptowährungen bereits erkannt. Während viele Finanzinstitute ihren Fokus noch daraufsetzen, das Bankgeschäft Smartphone tauglich zu gestalten, ermöglicht bspw. die Fintech-Bank TEN31 ihren Kunden schon heute eine direkte Überweisung zwischen herkömmlichen Sepa-Konten und Kryptowährungen.

Auch die Nuri Bank in Berlin setzt mit Erfolg auf Kryptowährungen. 2020 hat sich die Anzahl der Kunden auf 200.000 verdreifacht. Die Nuri Bank ist somit die drittgrößte Neobank in Deutschland. Dort können Kunden unter anderem ein Bitcoin-Ertragskonto anlegen. Das zeigt: Banken werden in Zukunft alles andere als überflüssig, sondern könnten z.B. weiterhin eine beratende und verwaltende Funktion übernehmen, beispielsweise durch bestehende Tresorräume zum Lagern von Wallets.

In einer Welt, in der statistisch gesehen jeder fünfte kein Bankkonto hat und deshalb vom Wirtschaftsleben ausgeschlossen ist, bietet Decentralized Finance eine echte Alternative mit Potenzial für eine offene und transparente Finanzstruktur. Die Weichen werden durch staatliche Förderungsprojekte und laufend neue Erkenntnisse über Blockchain bereits gestellt. Die Technik steckt derzeit zwar noch in den Kinderschuhen, könnte in unserem finanziellen Alltag in Zukunft aber eine große Rolle spielen.

Quellen:

Weitere Informationen zum Thema Digitalisierung gibt es hier

Über den Autor

Thomas ist Teamleiter Unternehmenskommunikation bei der Star Finanz und hier für Pressearbeit und Social Media verantwortlich. Wenn er nicht gerade auf der Suche nach neuen Themen und Trends in den Bereichen Banking, Payment und Digitalisierung ist, tobt er sich u.a. auf dem Basketballplatz aus.

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