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Der Bankensektor hat sich in den letzten Jahren radikal verändert. Grund sind neben der Digitalisierung, der strukturelle Wandel und neue Regularien. Immer mehr Geldgeschäfte funktionieren per Mausklick: Wer einen Kredit möchte oder Geld anlegen will, geht häufig nicht mehr an einen Bankschalter, sondern ins Netz. Diesen Trend haben FinTechs für sich entdeckt und bieten ihren Kunden genau das, was diese sich wünschen.

Mehr als 400 FinTechs in Deutschland
FinTechs sind junge, webbasierte Unternehmen, die im Zuge der Digitalisierung durch ihren kundenbezogenen mobilen Service und die Nutzung neuer digitaler Technologien bestehende Finanzdienstleistungen beeinflussen. In Deutschland geht man gemäß einer Untersuchung von Barkow Consulting von mehr als 400 FinTechs aus. Laut statista sind die meisten von ihnen in Berlin, München, Hamburg und Frankfurt angesiedelt.

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Den meisten Deutschen bleiben diese Unternehmen auch nach einigen Jahren der Markt- und Medienpräsenz jedoch noch ein Rätsel. 76 Prozent der Bundesbürger haben den Begriff FinTech noch kein einziges Mal gehört; nur sechs Prozent besitzen dazu eine klare Vorstellung. Mit den Services der FinTechs setzen sich die Deutschen dagegen gern auseinander: Online-Bezahldienste stehen bei den Menschen hierzulande besonders hoch im Kurs und Mobile Payment ist mit großem Abstand das Trendthema Nummer eins.

Online-Bezahldienste und digitale Versicherungsmanager am bekanntesten
Sich mit Finanzdienstleistungen und Versicherungen zu beschäftigen, ist selten vergnügungssteuerpflichtig, aber meistens notwendig und sinnvoll. Dass es hierfür neben den traditionellen Anbietern wie Banken und Versicherungen auch digitale Helferlein gibt, haben die Deutschen erkannt. Jeweils zwei Drittel der Deutschen kennen das Angebot digitaler Versicherungsmanager und nutzen zudem Online-Bezahldienste. Internet- und Smartphone-Banken sowie Anbieter für die Verwaltung von Aktiendepots sind ebenfalls mehrheitlich bekannt. Kritisch beäugt werden durch Branchenexperten die Aspekte Datensicherung sowie die Konkurrenzsituation zu klassischen Banken und Versicherungen: 45 Prozent sehen darin die größten Hindernisse für eine positive Entwicklung der FinTech-Branche hierzulande.

In den skandinavischen Ländern ist das Thema FinTech bereits gelebte Praxis und auch immer mehr nationale wie internationale Anbieter drängen mit ihren Mobile-Payment-Lösungen auf den hiesigen Markt. Experten halten das zur mobilen Geldbörse transformierte Smartphone augenscheinlich für eine ebenso charmante Idee. Exakt zwei Drittel sehen darin künftig den größten Trend der deutschen Finanzindustrie.

Berlin als deutsche FinTech Hauptstadt?
Frankfurt gilt seit jeher als Deutschlands Finanzmetropole Nummer eins. Sie ist Sitz der Europäischen Zentralbank und der Bundesbank. Nirgendwo anders residieren mehr Banken als in der Stadt am Main. Insgesamt sind es weit über 300, davon fast 200 ausländische Institute. Bei traditionellen Banken ist Frankfurt als bedeutender Standort also weitestgehend gesetzt. Anders jedoch verhält es sich im Bereich FinTech. Hier hinkt die Main-Metropole Berlin deutlich hinterher.

Laut einer Studie der landeseigenen Investitionsbank Berlins (IBB) sind rund 70 FinTech-Unternehmen wie beispielsweise N26 in der bundesdeutschen Hauptstadt beheimatet und somit doppelt so viele wie in Frankfurt. Die starke Stellung versucht Berlin weiter auszubauen. Helfen dabei soll des Brexit-Votum, wodurch an Stelle von London andere Städte wie eben Berlin als europäisches Drehkreuz vermehrt in den Fokus von FinTech-Unternehmen geraten. Hauptgrund dafür sind die EU-Zahlungsrichtlinien, die für viele dieser Firmen essenziell für das eigene Geschäft sind.
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Der FinTech-Markt im Überblick
Der FinTech-Markt besteht aus den Bereichen Banking, Insurance, Lending, Payment und Trading & Investing. Banking umfasst eine mobile Kontoführung ohne Bankschalter, bei der die Kundenbedürfnisse nach individueller, schneller und unkomplizierter Finanzverwaltung bedient werden. Im Versicherungsbereich stehen faire, einfache und kundenorientierte Versicherungsmodelle im Vordergrund. Unter Lending versteht man den Online-Vergleich flexibler Ratenkredite und die Vergabe von Privatkrediten außerhalb eines Finanzinstitutes. Payment beschäftigt sich mit neuen Bezahlmodellen, die geringe Transaktionskosten und eine einfache Abwicklung versprechen. Hinter Trading & Investing steckt eine mobile Verwaltung von Aktiendepots und die Optimierung der persönlichen Investitionsstrategien durch Austausch mit Experten.

In der FinTech-Branche zeigt sich, dass es für fast jede Dienstleistung mehrere Anbieter gibt – auch in Deutschland. Zu den attraktivsten Segmenten für Banken zählen Provider virtueller Währungen, E-Commerce-Unternehmen, Spendensammler sowie Transaktionsanbieter. Dies zeigt sich auch in den weltweiten Investitionen, bei denen die Bereiche „Finanzierung & Kreditwesen“, „Payment-Prozesse“ und „Mobile Bezahlsysteme“ ganz vorne rangieren.
Der Grund für das Wachstum der FinTech-Szene liegt am Fokus ihrer Anwendungen: FinTechs bieten veränderte Nutzererfahrungen. Dabei werden als Vorbilder für digitale Anwendungen oft Google, Amazon, Apple sowie Start-ups gesehen. Laut einer Studie von Ernst & Young liegt hier auch die Ursache, warum Nutzer FinTech-Lösungen annehmen: die leichte Bedienbarkeit und die „Convenience“ stehen für fast die Hälfte der Befragten im Mittelpunkt. Diesen Wunsch bedienen in ihren Augen FinTechs deutlich besser als traditionelle Banken.

FinTech-Einhörner
Aufgrund von Innovationen und ihren häufig disruptiven Technologien haben sich FinTechs im Zuge der Digitalisierung zu einem wichtigen Einflussfaktor für das Bankgeschäft insgesamt entwickelt. Vor diesem Hintergrund haben sich auch die Investitionen in entsprechende Finanztechnologie-Unternehmen in den letzten Jahren sukzessive erhöht. Deren Bewertung kann inzwischen im Einzelfall durchaus die Marke von einer Milliarde US-Dollar überspringen. Ein solches Unternehmen wird als sogenanntes „Einhorn“ bezeichnet.

Die Bezeichnung geht auf Aileen Lee zurück, die Gründerin von Cowboy Ventures, einem Fonds, der während der ersten Finanzierungphase eines jungen Unternehmens investiert. Ende 2013 veröffentlichte Lee im Techblog Tech Crunch einen Artikel, im Rahmen dessen sie über die Faszination von Start-ups schrieb, die eine Bewertung von einer Milliarde US-Dollar erreicht hatten – entweder durch einen Börsengang oder dem erfolgreichen Ausstieg eines Gründers. Die Überschrift des Artikels lautete „Welcome to the Unicorn Club“.

China und USA dominieren
Zu den weltweit größten FinTech-Unicorns zählt unter anderem Lufax. 2011 gegründet, hat sich das Unternehmen inzwischen zur führenden chinesischen internetgestützten Peer-to-Peer-Kreditplattform entwickelt. Aktuell zählt Lufax über 130 Millionen Kunden. Das Wachstum des Unternehmens ist beachtlich. Allein 2017 wurden über die Plattform Finanztransaktionen in Höhe von 750 Milliarden Dollar abgewickelt. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Anstieg um gut 280 Prozent. Ebenfalls zu den Schwergewichten im FinTech-Markt zählt das 2010 gegründete US-Unternehmen Stripe. Mit Facebook, Twitter, Slack oder Salesforce vertrauen einige der größten Firmen der amerikanischen Technologie-Branche auf den Dienst. Mit Stripe haben Online-Händler die Möglichkeit, ihren Shop u.a. um eine kreditkartengestützte Zahlungsfunktion zu ergänzen – ohne Grundgebühr und zusätzliche Verträge. Insgesamt werden 130 Währungen unterstützt. Nach einer längeren Testphase in Deutschland steht der Dienst auch Händlern hierzulande seit Mitte des Jahres zur Verfügung. Für jede über Stripe getätigte Zahlung erhält das Unternehmen eine Gebühr auf den Warenwert. Bei europäischen Kreditkarten liegt diese bei 1,4 Prozent, zuzüglich 25 Cent. Im Falle von nicht-europäischen Karten gilt eine Pauschale von 2,9 Prozent zuzüglich 25 Cent.

Das 2009 vom Twitter-Chef Jack Dorsay gegründete US-Unternehmen Square ermöglicht es kleinen Geschäften Kreditkarten anzunehmen und Daten auszuwerten. Mit Hilfe eines kleinen Dongles lässt sich ein Lesegerät bspw. mit einem iPad oder Smartphone verbinden. Dadurch lassen sich Kreditkarteninformationen einlesen. Im Vergleich zu klassischen Kreditkartenlesegeräten ist dies deutlich günstiger, wodurch Square neue Kundengruppen für diese Bezahlmethode wie z.B. Taxifahrer oder kleine Händler erfolgreich angesprochen hat. Zwar muss der Händler 2,75 Prozent an der Transaktion als Gebühr an den Dienst abführen. Gleichzeitig hat er darüber hinaus keine weiteren Investitionskosten zu tragen, wodurch die Eintrittshürden für ihn niedrig sind.

Europa mit Aufholpotenzial
Während es in Asien und den USA eine Reihe weiterer Fintech-Unicorns gibt, sind es auf europäischer Ebene derzeit u.a. den schwedischen Payment-Service-Provider Klarna und den Payment-Provider Ayden. Zu den Unicorns gehört auch Revolut, eine Banking-App, die im Sommer 2015 gestartet ist. Seit Anfang Januar 2019 zählt auch das Berliner Fintech N26 zu den Schwergewichten der Szene. 260 Millionen Euro hat das Unternehmen zum damaligen Zeitpunkt von Investoren eingenommen, zu einer Bewertung von 2,3 Milliarden Euro.
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Chinas FinTech-Markt
Wenn es um digitale Finanzlösungen bzw. Finanztechnologie geht, hängt China die internationale Konkurrenz zunehmend ab. Laut dem globalen Ranking „FinTech 100“ der Unternehmensberatung KPMG befinden sich unter den zehn weltweit erfolgreichsten FinTechs fünf Unternehmen aus China. Hierzu gehören u.a. der Online-Kreditgeber Qudian oder auch Ant Financial, die Finanztochter des chinesischen Online-Handelskonzerns Alibaba. Vor kurzem berichtete das „Wall Street Journal“ das Ant Financial, zu dem auch der mobile Bezahldienst Alipay gehört, eine weitere Finanzierungsrunde über neun Milliarden Dollar vorbereitet. Die enorme Bewertung von Ant Financial und weiterer chinesischer FinTechs ist Ausdruck der inzwischen hohen Bedeutung bzw. herausragenden Marktstellung dieser Unternehmen.

Ökosysteme und Plattformen
Generell zeichnet sich die Landschaft für Unternehmen der Finanztechnologie in China dadurch aus, dass es, anders als in vielen Ländern Europas, eine Reihe von Unternehmen bereits geschafft haben, Ökosysteme aufzubauen und daran unterschiedliche Dienstleistungen anzubinden. Diese gehen häufig über klassische Angebote im Finanz- und Versicherungsbereich hinaus und decken weitere Bedürfnisse der Nutzer ab. Im Rahmen einer App stehen dem Anwender so bspw. Chatfunktionen genauso zur Verfügung wie eine digitale Vermögensverwaltung oder Payment-Möglichkeiten. Ein prominentes Beispiel ist WeChat vom chinesischen Unternehmen Tencent. Ursprünglich als reiner Chatdienst, vergleichbar mit WhatsApp, gestartet, regeln mittlerweile rund eine Milliarde Chinesen praktisch ihr Leben über die Anwendung. So kann man mit Freunden chatten und sich bspw. zu einem Kinobesuch verabreden, per App direkt die Karten bestellen und bezahlen, einen Arzttermin vereinbaren, online shoppen oder auch die Stromrechnung begleichen. Alles geschieht unmittelbar über das Smartphone, Medienbrüche sind somit ausgeschlossen.

Vollständige Offenlegung von Daten
Es entstehen somit gewaltige Plattformen, die aufgrund ihrer hohen Verbreitung sukzessiv weitere innovative Startups anziehen. Auf diese Art und Weise wächst die Plattform ständig weiter und orientiert sich dabei an den konkreten Bedürfnissen der Zielgruppe. So hat bspw. Alipay eine Art Kreditbewertung eingeführt. Auf Basis der Dinge, die ein Nutzer kauft und die Offenlegung seiner Daten bekommt er ein bestimmtes Rating. Dadurch erhält er Zugang zu weiteren Services. So ist z. B. bei der Anmietung eines Autos keine Kaution mehr notwendig. Auch ein Leihfahrrad kann problemlos mittels QR-Code benutzt werden, obwohl der Nutzer noch nie in einem geschäftlichen Verhältnis zur Verleihfirma stand. Er muss einfach den Code am gewünschten Fahrrad scannen und das Schloss springt auf. Dadurch das der Nutzer all seine Daten preisgibt und seine Handlungen das generelle Kreditrating beeinflussen, wird darauf vertraut, dass der Nutzer das Fahrrad ordnungsgemäß wieder zurückbringt.

Kreditvergabe innerhalb weniger Minuten
Ob Bezahlen, Überweisen, Kreditvergabe oder Versicherungsabschluss – in kaum einem anderen Land wird in punkto Finanzdienstleistungen und Versicherungen digital bereits soviel abgewickelt wie in China. Rund 500 Millionen Chinesen bezahlen inzwischen vornehmlich mit dem Smartphone. Auch die Kreditvergabe läuft bspw. dank des Startups Dumiao innerhalb weniger Minuten. Häufig beantragen Kunden direkt im Laden einen Kredit bei Dumiao, um sich das gewünschte Produkt kaufen zu können. Die Anfrage wird per App oder über ein Online-Portal gestellt. Der Antragssteller erhält nach ein paar Minuten eine Gutschrift bzw. die Information, dass sein Antrag abgelehnt wurde.

Positive Entwicklung erwartet
Die Gründe für den Fintech-Boom in China sind vielfältig. Einerseits haben Chinesen eine hohe Affinität zu Online-Aktivitäten. Andererseits genießen etablierte Finanzinstitute, anders als bspw. in Deutschland, kein sonderlich hohes Vertrauen, da sich die meisten von ihnen in staatlichem Besitz befinden. Darüber hinaus sind die Sicherheits- bzw. Datenschutzbedenken in China weitaus weniger stark ausgeprägt als hierzulande. Zudem haben Chinas Banken die Kreditvergabe an kleinere, private Unternehmen in der Vergangenheit häufig verweigert. Daraufhin suchten diese nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten und sorgten mit ihrer Nachfrage dafür, dass erste Startups mit entsprechenden Angeboten auf den Markt kamen.

Auch für die Zukunft gehen Experten von einer positiven Entwicklung des chinesischen Fintech-Marktes aus. So erwartet die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers insbesondere in den drei Bereichen Consumer Banking, Investment- und Vermögensmanagement sowie Überweisungen und Zahlungen in den kommenden fünf Jahren vermehrt Lösungsangebote von Seiten der Fintechs. Laut Statista wird zudem das Gesamttransaktionsvolumen im chinesischen Fintech-Markt von rund 1,4 Milliarden Euro in diesem Jahr auf etwa 3,2 Milliarden Euro im Jahr 2022 zunehmen – dies entspricht einem jährlichen Wachstum von fast 23 Prozent.