Unsere Serie über prägende Frauen in der FinTech- und Digitalbranche setzen wir dieses Mal mit Sibylle Strack fort, CEO bei Kontist.

Hallo Sibylle, kannst Du Dich unseren Lesern kurz vorstellen, was beinhaltet Dein Beruf? Was sind Deine Aufgaben bei Kontist?

Ich bin CEO von Kontist, gemeinsam mit dem Gründer Christopher Plantener. Kontist will mit seinem Service den Alltag von Selbständigen deutlich erleichtern und ihnen mehr finanzielle Sicherheit geben. Wir stellen unseren Kunden – Selbständige und Freelancer – eine Lösung zur Verfügung, die die Organisation ihrer gesamten Geschäftsfinanzen vereint: Banking, Buchhaltung und Steuerkalkulation. Als Kontist 2016 gegründet wurde, war es das erste mobile Geschäftskonto in Deutschland. Mit unserem Team von 80 Leuten befinden wir uns in einem sehr agilen Markt. Es ist meine Aufgabe, das Angebot weiterzuentwickeln und nachhaltiges Wachstum sicherzustellen. Das beinhaltet beispielsweise KI, automatisiertes Forecasting und automatisierte Empfehlungen.

Daneben engagiere ich mich in der Kontist Stiftung. Mit der Stiftung setzen wir uns seit dem letzten Jahr als Interessenvertretung für adäquate politische Rahmenbedingungen für Selbständigkeit in Deutschland ein. Im aktuellen Krisenjahr ist die Notwendigkeit einer Lobby für diese Berufsgruppe größer denn je. Viele Selbständige sind von den Auswirkungen von Covid-19 besonders betroffen und werden dennoch von der Politik im Stich gelassen.

Seit März leisten wir mit der Stiftung daher zusätzlich noch aktive Corona-Hilfestellung, beraten Selbständige in Webinaren und versuchen, Druck auf politische Entscheidungsträger zu erzeugen.

Wie hast Du den Weg in die FinTech-Branche gefunden?

Ich komme aus einem unternehmerischen Familienumfeld und habe schon immer unternehmerische Ambitionen gehabt. Neben meinem Job beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband hat es mir deshalb viel Spaß gemacht, mich in der Fintech-Szene zu vernetzen. Auch kam ich als Verantwortliche für Girokonto- und Payment-Strategie beim DSGV ja um Finanztechnologie gar nicht herum. Lustigerweise habe ich als Jurymitglied bei Paymentandbanking Kontist bereits 2017 kennengelernt – und direkt zum “Fintech des Jahres” gewählt. Ich war schon damals davon überzeugt, dass man mit einem klaren Fokus auf eine Kundengruppe überlegene Services anbieten kann und ich fand das Team gut. Den Gedanken, selbst in einem Startup zu arbeiten, hatte ich daher schon früh. Während meiner freien Beratertätigkeit zählten zu meinen Kunden auch Fintechs und ich lernte die Unternehmenskultur noch besser kennen und schätzen. Die Entscheidung, bei Kontist einzusteigen, war dann ziemlich schnell getroffen, als sich die Chance bot.

Was fasziniert Dich an der FinTech-Branche? Was nervt manchmal?

Die Medien stellen die Branche manchmal zu sehr in die Hipster-Ecke. Dabei wird ignoriert, dass das Wirken von Fintechs im richtigen Leben sehr fokussiert auf die Lösung der Probleme von Nutzern ausgerichtet ist. Wären Fintech-Unternehmen und ihre Leute nicht so kreativ, mutig und zielorientiert, gäbe es kaum Innovationen in diesem sehr konservativen Umfeld. Natürlich gibt es immer Optimierungspotenziale, hauptsächlich in der Umsetzung von Prozessen und Strukturen, die eine nachhaltige, langfristige Entwicklung fördern.

Ist es wichtig, dass mehr Frauen in der FinTech-Szene Fuß fassen?

Unternehmen sollten grundsätzlich die Gesellschaft und den Markt widerspiegeln, vor allem auch, wenn sie Produkte bauen bzw. Dienstleistungen erbringen, bei denen die Kunden divers sind. Diese Notwendigkeit, die gesellschaftliche Diversität auch in Unternehmen abzubilden, bezieht sich nicht nur auf Frauen, sondern auch auf andere Gruppen. Und sie umfaßt nicht nur das Team, sondern auch die Führung. Ich bin überzeugt davon, dass das Geschäftsergebnis besser ist, wenn die Teams gemischt sind. Auch eine Untersuchung von McKinsey zeigt, dass Diversität auf der Leitungsebene signifikant zum Unternehmenserfolg beiträgt.

Bei Kontist legen wir auf Diversität viel Wert. Das Unternehmen wurde von einer Frau mit gegründet, das Team setzt sich aus 35 Nationen zusammen und mehr als 40 % des Teams sind Frauen. Und mit Chris und mir als CEOs fahren wir einen modernen Co-Leadership Ansatz.

Befürwortest Du vor diesem Hintergrund Quotenregelungen?

Keine einfache Antwort. An sich sollten Entscheider intrinsisch motiviert sein, Unterschiedlichkeit zu fördern, weil dies zu besseren Ergebnissen führt. In der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass von Frauen geführte Länder sich deutlich vorteilhafter entwickelt haben. Sobald dies zur akzeptierten Weisheit wird, wird die Debatte um Quotenregelungen hoffentlich von selbst verschwinden. Wir brauchen keine Quote mehr, wenn die Leute erkennen, dass es guter Geschäftssinn ist, eine Frau am Tisch zu haben.

Was muss passieren, damit in den kommenden Jahren mehr Frauen wie Du den Weg in die FinTech-Branche finden?

Wie gesagt: Damit ein Unternehmen erfolgreich ist, braucht es Leute, die 100% der Gesellschaft repräsentieren, nicht nur 50%. Die Teamarbeit als Ganzes ist entscheidend – das bedeutet, dass eine Umgebung geschaffen werden muss, in der die Fähigkeiten aller optimal zum Einsatz kommen. Als Tech-Unternehmen ist es unser Auftrag, die Kultur in Richtung Inklusivität zu entwickeln. Das hört nicht bei der Einstellung auf. Gleichzeitig müssen Frauen sich positionieren und gehört werden wollen. Sie dürfen nicht darauf warten, dass man mit ihrem Traumjob auf sie zukommt. Sie sollten sich hinstellen und sagen “Ich will das machen!”.

Daneben muss die Politik Rahmenbedingungen schaffen bzw. verbessern, um die strukturellen Nachteile für Familien zu beseitigen. Denn die Folgen davon gehen heute vielfach zu Lasten der Frauen und ihrer Karrieren.

Welche Tipps kannst du Berufseinsteigerinnen mitgeben? Gibt es typische Studienfächer oder Karrierewege, die in die FinTech-Branche führen?

Ich bin der Meinung, dass viele Skills, die heute wichtig sind, morgen bereits veraltet sind, denn die Welt der Arbeit verändert sich sehr schnell. Wenn eine Bewerberin an die Zielsetzung unseres Unternehmens glaubt, vielleicht selbst Freelancer war und somit die Probleme unserer Kunden kennt und lösen kann, dann ist dies für mich relevanter als das Studienfach. Es geht um das Mindset und die Denkweise. Berufseinsteigerinnen, die einen Weg in die Fintech-Branche suchen, sollten offen für neue Ideen sein und ein dynamisches Umfeld mögen, in dem sie viel Verantwortung übernehmen können.

Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Wir haben gerade den Kontist Steuerservice gelauncht. Damit haben wir einen wesentlichen Meilenstein in unserer Produktvision als auch in unserer Mission erreicht, den finanziellen Verwaltungsaufwand von Selbständigen erheblich zu reduzieren. Nun fokussieren wir uns darauf, diesen Service im Markt erfolgreich zu machen.

Daneben ist mir persönlich gerade in der aktuellen Zeit die Stiftungsarbeit sehr wichtig. Wir müssen Selbständige unterstützen und ihnen helfen, durch die Krise zu kommen. Davon hängt viel ab, nicht zuletzt der wirtschaftliche Aufbau nach der Krise. Es werden Selbständige und Freelancer sein, die die notwendige Anpassungsfähigkeit und die neuen Ideen aufbringen werden.

Wie erholst Du Dich am liebsten vom beruflichen Alltag?

Zur Erholung gehört für mich, draussen in der Natur zu sein. Ich gehe laufen oder wandern und kann mich bei Gartenarbeit wunderbar entspannen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Interviews findest du hier

Über den Autor

Thomas ist Teamleiter Unternehmenskommunikation bei der Star Finanz und hier für Pressearbeit und Social Media verantwortlich. Wenn er nicht gerade auf der Suche nach neuen Themen und Trends in den Bereichen Banking, Payment und Digitalisierung ist, tobt er sich u.a. auf dem Basketballplatz aus.

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