Frauen sind in der FinTech- bzw. Digitalbranche derzeit häufig noch unterrepräsentiert, insbesondere in Führungspositionen. Dennoch gibt es sie. Wir möchten gern einen Beitrag für mehr Sichtbarkeit leisten. In unserem Blog veröffentlichen wir daher in den kommenden Monaten Interviews mit prägenden Frauen aus der Szene. Den Anfang macht Julia Tschawdarow, Head of Marketing & PR bei optile, einem Payment-FinTech aus München.

Hallo Julia, was beinhaltet dein Beruf? Was sind deine Aufgaben?

Hallo! Ich bin Head of Marketing & PR bei optile, einem Payment-FinTech aus München. Mit unserer offenen Plattform haben wir das Ziel, E-Commerce-Unternehmen weltweit jeden Zahlungsanbieter und jede Zahlungsmethode anzubieten. Als Marketing- und PR-Chefin betreue ich bei optile zusammen mit meinem Team sämtliche Kommunikationsmaßnahmen, von Content Management über die Presse- und Medienarbeit bis hin zur internen Kommunikation. Darüber hinaus unterstützen wir auch das Sales- und Key-Account-Management-Team bei der Lead Generation und im Relationship Management. Auch Social Media und Events gehören zu unserem Aufgabenbereich. Insgesamt ist das also ein maximal vielseitiger Job.

Wie hast du den Weg in die FinTech-Branche gefunden?

In die FinTech-Branche hat es mich schon vor zehn Jahren gezogen. Zu dem Zeitpunkt beendete ich in Berlin mein Studium, Business Administration mit Schwerpunkt Marketing Management und Personalwesen, und gehörte bei RatePAY zu den Mitarbeitern der ersten Stunde. Ich startete im Marketingbereich und half dort unter anderem, die erste Webseite zu bauen, Messeauftritte zu organisieren, Flyers zu entwerfen – Basisarbeit also. Nach ein paar Jahren habe ich dann weitere PR- und Kommunikationsaufgaben übernommen und stieg 2016 zur Head of Marketing & PR auf.

Gleichzeitig engagierte ich mich mit Miriam Wohlfarth, der Gründerin von RatePAY, und anderen Branchenexperten beim Finanzblog Payment & Banking. Wir haben damals unsere eigene Payment-Konferenz ins Leben gerufen. Das Angebot wurde sehr schnell viel größer als ursprünglich geplant, mittlerweile haben wir neben der Payment Exchange weitere Branchenveranstaltungsformate wie die Banking Exchange und die Transactions etabliert. Ich arbeite gern nebenbei für Payment & Banking. So bleibe ich bei den neuesten FinTech-Trends auf dem Laufenden. Mir macht es viel Spaß, Events zu organisieren. Zudem ist das super, um das eigene Netzwerk zu erweitern.

Was fasziniert dich an der FinTech-Branche? Was nervt manchmal?

Die Entwicklung der FinTech-Branche ist faszinierend. Als ich 2010 angefangen habe, gab es den Begriff „FinTech“ noch nicht mal. Erst ein paar Jahre später wurde der Begriff sowie die Idee dahinter langsam von den Branchenmedien aufgegriffen. Zum gleichen Zeitpunkt sind dann die Start-ups aus dem Boden geschossen und das Thema hat sehr schnell sehr viel Relevanz gewonnen, was zunehmend auch von den Publikumsmedien wahrgenommen wurde. Heute weiß fast jeder, was ein FinTech ist. Das Thema hat stark an Bedeutung gewonnen und das Potenzial von FinTech-Lösungen ist in Deutschland weiterhin riesig, auch im B2B-Bereich.

Es nervt mich jedoch manchmal, dass innovative FinTech-Trends in Deutschland oft nur schleppend vorankommen. Ich wünsche mir, dass wir da etwas mutiger werden, auch neuen Lösungen schneller eine Chance geben und diese so mehr Akzeptanz finden. Ebenso würde ich es begrüßen, wenn wir in Richtung „große, übergreifende Lösung“ denken und nicht ewig mit unserem FinTech-Flickenteppich weitermachen. Ich weiß, leichter gesagt als getan.

Ist es wichtig, dass mehr Frauen in der FinTech-Szene Fuß fassen?

Ja, absolut, das ist wichtig. In vielen Unternehmen gibt es noch zu wenig Frauen. Ganz allgemein mangelt es oft an Diversität, das heißt es gibt nicht nur zu wenig Frauen, sondern auch zu wenig Unterschiede in Sachen Alter oder Herkunft der Mitarbeiter. In meiner Erfahrung sind Start-ups aber häufig diverser. Ich hatte bisher auf jeden Fall das Glück, in Unternehmen zu arbeiten, die in dieser Hinsicht bestens aufgestellt sind. Ich befürworte das sehr, weil die Zusammenarbeit in gemischten Teams oft konstruktiver und effektiver ist, davon können Unternehmen nur profitieren.

Bei optile sind 40 Prozent der Mitarbeiter Frauen. Im Management sind es sogar 50 Prozent. Meine Kollegen kommen zudem aus 26 Nationen. Das trägt zu einem guten Mindset und viel Schwung bei, das mag ich.

Befürwortest du vor diesem Hintergrund Quotenregelungen?

Nein, ich bin generell kein Fan von Quoten. Ich wünsche mir, dass Diversität in Unternehmen normal ist und dass jeder ein Bewusstsein von Gleichberechtigung hat – ganz ohne Zwang. Es gibt Situationen, in denen Quoten möglicherweise Sinn machen, um, etwa in Konzernen, gewisse Prozesse zu beschleunigen. Grundsätzlich sollten aber immer die Qualifikation und die Teamfähigkeit im Vordergrund stehen. Ich suche meine Leute danach aus, ob sie gut ins Team passen – das ist neben der fachlichen Qualifikation mit Abstand das wichtigste Kriterium. Gerade in der FinTech-Branche ist zudem Internationalität ein wichtiger Aspekt. Deutschkenntnisse sollten nicht zwangsläufig eine Voraussetzung sein, das schränkt nur unnötig ein.

Was muss passieren, damit in den kommenden Jahren mehr Frauen den Weg in FinTech-Unternehmen finden oder selbst Start-ups gründen?

Wir sollten beim Bewusstsein ansetzen und aufhören in Stereotypen zu denken. Es darf kein „Das haben wir immer schon so gemacht“ geben! Stattdessen muss sich bei Frauen das Bewusstsein durchsetzen, dass sie jeden Beruf ausüben können. Wir dürfen uns nicht vor Verantwortung scheuen, denn es gibt nichts, was Frauen nicht können. Vorbilder in der FinTech-Branche gibt es genug: Auf Veranstaltungen treffe ich so viele Frauen, die sich ganz selbstverständlich anspruchsvolle Aufgaben zutrauen.

In diesem Zusammenhang kommt der Bildung eine wichtige Rolle zu. Die Schulen zum Beispiel können Einblicke in jeden Bereich geben, und da gehört unbedingt auch der Tech-Bereich dazu. Es ist mir ein Rätsel, warum Technologie und Informatik noch so unterrepräsentiert sind in der Bildung. Die Botschaft muss aber gerade auch für Mädchen sein: Programmieren ist keine Hexerei, Tech ist ganz normal und macht Spaß!

Welche Tipps gibst du Gründerinnen oder Berufseinsteigerinnen? Gibt es typische Studienfächer oder Karrierewege?

„Typisch“ gibt es heute nicht mehr. Entsprechend gibt es auch nicht mehr den einen Karriereweg. Wechselbereitschaft und Umwege in der Karriere werden zum Glück zunehmend akzeptiert. Viel wichtiger ist, dass sowohl Frauen als auch Männer ihrer Leidenschaft nachgehen und das machen, worauf sie Lust haben. Ich kann nur jedem empfehlen, einfach mal zu machen, dem eigenen Bauchgefühl zu folgen und auch mal Risiken einzugehen.

Auch Netzwerken halte ich für wichtig. Gerade Berufseinsteigerinnen profitieren davon, wenn sie so viele unterschiedliche Leute wie möglich kennenlernen. In meinem Team bei optile lege ich zudem großen Wert darauf, die Stärken meiner Mitarbeiter zu fördern. Neugier und Bereitschaft für Veränderungen sind dabei Qualitäten, die ich außerordentlich schätze.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich mag zwar Veränderungen, möchte aber in der FinTech-Branche bleiben, weil ich sie kenne und liebe. Und ich möchte weiterhin das machen, was mir Spaß macht. Es gibt so viel zu lernen und ich mag es, international zu arbeiten. Ich freue mich darauf, viele weitere, länderübergreifende PR- und Marketingaktionen zu managen und meine Aktivitäten in Zukunft noch breiter aufzustellen.

Wie erholst du dich am liebsten vom beruflichen Alltag?

Auch hier gehe ich meiner Leidenschaft nach: Westernreiten! Ich bin auf der Insel Rügen aufgewachsen und reite schon seit meiner Kindheit. Für mich ist das der perfekte Freizeitausgleich, er hilft mir, regelmäßig ein paar Stunden in der Natur zu verbringen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Über den Autor

Thomas ist Teamleiter Unternehmenskommunikation bei der Star Finanz und hier für Pressearbeit und Social Media verantwortlich. Wenn er nicht gerade auf der Suche nach neuen Themen und Trends in den Bereichen Banking, Payment und Digitalisierung ist, tobt er sich u.a. auf dem Basketballplatz aus.

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