2019 war das Jahr, in dem die Klimakrise endgültig im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist. Woche für Woche demonstrierten Zehntausende Menschen weltweit für eine bessere Klimapolitik. Es war das Jahr, in dem die jugendliche Aktivistin Greta Thunberg vom „Time Magazine“ zur Person des Jahres gewählt wurde. In dem das Europäische Parlament den Klimanotstand ausrief. Und in dem Nachhaltigkeit auch zu einem Thema im Finanzsektor wurde: Einer Studie des Forums Nachhaltige Geldanlagen zufolge, haben private Anleger 2019 erstaunliche 96 Prozent mehr in nachhaltige Fonds investiert als im Jahr davor, institutionelle Anleger immerhin 27 Prozent mehr. 

Umwelt- und zukunftsbewusste Kunden sehen nicht nachhaltige Investments zunehmend als Risiko und setzen deshalb auf Produkte, die ihnen ein gutes grünes Gewissen versprechen. Zum Beispiel auf Tomorrow. Als das Hamburger Öko-Start-up kürzlich über eine Crowdfunding-Plattform zwei Millionen Euro an privaten Investorengeldern einsammeln wollte, wurde es von den Zahlungswilligen derart überrannt, dass es noch schnell das Ziel auf drei Millionen korrigiert hat. Als auch die Summe in nur fünf Stunden erreicht war, schloss Tomorrow die Finanzierungsrunde. Obwohl das Fintech zu dem Zeitpunkt hoch defizitär war, schien das grüne Image Argument genug. 

Dass Öko-Argumente auch im Finanzbereich Kaufentscheidungen beeinflussen, war spätestens klar, als BlackRock – der größte und mächtigste Fondsverwalter der Welt – Anfang des Jahres verkündete, keine Anlagen mehr in Produkte zu tätigen, die ein Nachhaltigkeitsrisiko in sich tragen. Von Greenwashing war seinerzeit häufig die Rede, also dem Verpassen eines grünen Anstrichs, um wenig nachhaltige Praktiken zu verdecken. Immerhin ist nur schwer nachzuvollziehen, was alles als nachhaltig verkauft wird und ob Zulieferer und Kooperationspartner angeblich grüner Unternehmen ebenso nachhaltig wirken. BlackRock ist mit Billionen von US-Dollar weltweit investiert, unter anderem im gesamten DAX. Wie realistisch und ernstzunehmend eine nachhaltige Strategie des Megakonzerns also ist, sei dahingestellt. Doch der wenigstens vordergründige Strategiewechsel von BlackRock unterstreicht nur einmal mehr, wie sich die Prioritäten der Kundschaft verschieben.

Vielleicht hat BlackRock auch einfach verstanden, dass nicht nur gesellschaftlich, sondern auch politisch gerade die Weichen für eine grüne Zukunft gestellt werden. Bei der Bewältigung der Klimakrise wird die Finanzwirtschaft ihren Beitrag leisten müssen. Eine grüne Regulatorik wirft schon ihren Schatten voraus: Im European Green Deal, dem im Dezember 2019 vorgestellten Klimarettungs-Fahrplan der EU-Kommission, geht es auch um eine nachhaltige Finanzstrategie zur Verwirklichung einer CO2-neutralen Europäischen Union bis 2050. Regulatoren werden zukünftig eine nachhaltige Asset-Allokation genauso einfordern, wie nachhaltige Finanzprodukte im Angebot sein müssen.

Chance für Sparkassen

Banken stehen mit diesem Wissen an einem Scheideweg: Sie können entweder den Minimal-Ansatz verfolgen und nur gerade das machen, was die Regulatoren vorschreiben, oder sie nehmen das Thema ernst.

Gerade Sparkassen, die ohnehin am ehesten das Image der sozialen Kümmerer vor sich hertragen, könnten glaubwürdig nachhaltige Features anbieten oder sich gar ökologisch komplett neu aufstellen. Der einfachste Weg wäre, in das vorhandene Produktportfolio nachhaltige Produkte aufzunehmen und einen Teil der Assets nachhaltig zu allokieren. Ein Vorbild könnte hier am ehesten Bunq sein, die einzige Neo-Bank für KMUs, die derzeitig ein eigenes nachhaltig orientiertes Geschäftskonto anbietet.

Das holländische Fintech verlangt für die SuperGreen-Variante seines Premiumkontos über 100 Euro mehr im Jahr. Sind Kunden bereit, dieses Opfer zu bringen, wird pro mit der Karte gezahlten 100 Euro ein Baum gepflanzt. Durch das im Raum stehende, etwas fragwürdige Versprechen, dass man so binnen zwei Jahren CO2-neutral werden könne, sollen Nutzer motiviert werden, möglichst häufig die Karte des Fintechs einzusetzen.

Die Produkteinführung ist dem Unternehmen vergangenes Jahr allerdings kommunikativ gründlich misslungen. Sie machte den Eindruck, dass der Kunde schlicht 100 Euro dafür bezahlen solle, was Gutes zu tun. Da lag der Gedanke nah, dass man das Geld doch einfacher spenden könnte. Was völlig unterging: dass es tolle Features gibt oder geben würde wie etwa einen Regler, mit dem ich genau bestimmen kann, in welche nachhaltigen Projekte mein Geld investiert wird. Hängen geblieben ist leider vor allem, dass das Produkt ordentlich Geld kostet, während andere nachhaltige Konto- und Kartenanbieter wie Tomorrow oder Treecard einfach einen Teil der Intercharge Fee in die CO2-Kompensation stecken. Bunq wurde Greenwashing vorgeworfen – dahingegen könnten die Sparkassen vom Vertrauensvorschuss ihrer Kundschaft profitieren.

Sie müssten dafür noch nicht mal notwendigerweise technisch selbst innovativ werden, denn in Sachen ökologischer Fußabdruck etwa gibt es bereits Unternehmen, die ihre Software als Service anbieten: Mit der Technologie von Ecolytiq oder Carbon Insights werden Kontoumsätze daraufhin untersucht, mit wie viel CO2 sie zu Buche schlagen. Finanzdaten werden in Emissionsdaten umgewandelt – das passt gut in die Strategie, wenn eine Bank Nachhaltigkeit in ihr Produktportfolio mit aufnehmen will. 

Und wenn die Sparkassen unbedingt auf die persönliche Komponente bestehen wollen, ergeben sich aus dem ökologischen Fußabdruck auch Anknüpfungspunkte für Up- und Cross-Selling durch Berater. Wenn zum Beispiel der Stromverbrauch von Eigenheimbesitzern ein gewisses Maß überschreitet, könnte gemeinsam mit Partnern ein Angebot samt Amortisierungs-Berechnung für eine Photovoltaik-Anlage unterbreitet werden, inklusive des notwendigen Kreditgesprächs.

Solche Win-Win-Win-Situationen können allerdings nur dann entstehen, wenn die Kunden auch tatsächlich ihr Sparkassen-Girokonto für die Ausgaben des täglichen Lebens nutzen. Sobald Zahlungen für den alltäglichen Bedarf zu einem Mitbewerber abwandern, gehen wertvolle Informationen verloren.

Wer also ökologisch orientierte Kunden dauerhaft halten und von ihnen profitieren will, darf Nachhaltigkeit nicht bloß als Feigenblatt nutzen, sondern integriert es am besten direkt in seine DNA. Und dazu gehört auch, wie man unabhängig von schön zu vermarktenden Produkten den eigenen Beitrag zum Klimawandel sieht. Die gerade aus dem Vergleichsportal Check24 hervorgegangene C24 Bank zum Beispiel bezeichnet sich nicht nur als klimaneutral, sondern klimapositiv. „Wir überkompensieren alle anfallenden CO2-Emissionen der C24 Bank. Dazu gehören die Büros, Server und z.B. die Pendelstrecken der Mitarbeiter“, erklärt Check24-Pressesprecher Edgar Kirk auf Nachfrage von GOLDILOCKS. Für das Unternehmen ist die Kompensation so selbstverständlich, damit wird gar nicht erst groß geworben.

Letztlich sollte Kompensation aber nicht für immer die Lösung sein. Je grüner die Finanzwelt und -regulatorik, desto wichtiger wird es werden, Nachhaltigkeit in allen Facetten zu denken: nachhaltige Produkte anbieten, Assets nachhaltig arbeiten lassen, und Kunden dabei helfen, nachhaltiger zu werden. Das sollten für alle Banken wichtige Ziele werden – sie werden irgendwann mit darüber entscheiden, welche Zukunft ein Institut hat.

Und hey: Wenn die EU es schafft, bis 2050 CO2-neutral zu werden, sollten die Sparkassen das erst recht hinbekommen.

Sustainable Fintech – dasselbe in grün? 1

Dieser Beitrag wurde zuerst im Magazin GOLDILOCKS vom Sparkassen Innovation Hub und dem Fintech Newsletter finletter veröffentlicht. Autoren des Beitrags sind Martin Pieck, Carolin Beese und Clas Beese. GOLDILOCKS gibt es kostenlos als App im Google Play Store und im App Store von Apple.

Titelbild ©baona (istockphoto)

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