In unserer dreiteiligen Reihe stellen wir die Ergebnisse einer groß angelegten Umfrage zur „Digitalisierung im deutschen Mittelstand“ vor, die die Star Finanz vergangenen Sommer unter 11.000 Einzelunternehmern, mittelständischen Firmen und Konzernen durchgeführt hat. 

Im zweiten Teil werfen wir einen Blick auf den Digitalisierungsstand und die Digitalisierungswünsche der befragten Unternehmen. Dabei zeigt sich: Nur die wenigsten Unternehmen bereiten sich aktiv auf Disruptionen des Geschäftsmodells vor. 

Schaut man sich die Ergebnisse der Umfrage an, scheint der deutsche Mittelstand bereit zu sein für die Digitalisierung. Mehr als drei Viertel (76,8 Prozent) der Unternehmen beschäftigen sich mit dem Thema. Je größer und umsatzstärker ein Unternehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt. So sagen 93,4 Prozent der Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern, dass sie sich mit Digitalisierung auseinandersetzen. Zum Vergleich: Betriebe mit 10–49 oder bis zu neun Angestellten beschäftigen sich zu 80,8 Prozent beziehungsweise 70,3 Prozent mit dem digitalen Wandel. Und von den 23,2 Prozent, die sich nicht damit auseinandersetzen, haben 59,5 Prozent der Unternehmen weniger als zehn Mitarbeiter und 32 Prozent zehn bis 49 Angestellte.

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Knapp die Hälfte der Unternehmen, die sich nicht mit Digitalisierung beschäftigt, sehen darin keinen Mehrwert (47,6 Prozent). 44,8 Prozent der Betriebe nennen Zeitmangel als Grund, 15,1 Prozent Kostengründe.

Digitalisierung: Unternehmen sehen mehr Chancen als Bedrohungen

Was die Auswirkungen des digitalen Wandels auf das eigene Geschäft angeht, zeigt sich der deutsche Mittelstand wiederum überraschend optimistisch. Er nimmt die Digitalisierung überwiegend als positive Veränderung wahr; ganze 83 Prozent der Betriebe sagen, dass die Digitalisierung in Bezug auf ihr Geschäftsmodell Chancen für das Unternehmen bietet. Dabei gilt: Jüngere Unternehmen (jünger als fünf Jahre) sehen mehr Chancen (91,2 Prozent).

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Größere Unternehmen begreifen den digitalen Wandel öfter als Chance. In Betrieben ab 500 Mitarbeitern liegt die Zustimmung bei 94 Prozent, in der Gruppe 250–500 Mitarbeiter sogar bei 94,7 Prozent. Kleinstunternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern sagen hingegen nur zu 77,4 Prozent, dass Digitalisierung für ihr Unternehmen Chancen bietet. Das bedeutet im Umkehrschluss: In kleinen, langjährig etablierten Unternehmen sind die Vorbehalte am größten.

Auch mit Blick auf die Branchen lässt sich ein Trend erkennen. So sieht etwa der Handel, der vergleichsweise schon heute durch die Macht von Amazon und anderen Großanbietern am stärksten von den Auswirkungen der Digitalisierung betroffen ist, darin öfter eine Bedrohung (21 Prozent). In Industrie und verarbeitendem Gewerbe sind es nur 15,3 Prozent.

Neue Geschäftsmodelle haben für Unternehmen keine Priorität

Ob Chance oder Bedrohung, die Umfrage legt nahe, dass der Mittelstand in puncto Digitalisierung derzeit oft noch an der Oberfläche kratzt. Denn während fast die Hälfte der Unternehmen (44,9 Prozent) in den kommenden fünf Jahren durch den digitalen Wandel eine Transformation ihres Geschäftsmodells erwartet, wollen nur 11,3 Prozent der Betriebe diese Veränderung aktiv in die Hände nehmen und ihr Geschäftsmodell anpassen. Viele Unternehmen in Deutschland sind zudem verunsichert, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf das eigene Geschäftsmodell hat. Rund jeder vierte Betrieb (27,2 Prozent) kann die Veränderungen nicht abschätzen.

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Digitalisierungsanstrengungen beschränken sich oft noch auf Geschäftsprozesse

Die niedrige Priorität, die Unternehmen der Anpassung ihrer Geschäftsmodelle einräumen, schlägt sich auch in der Praxis nieder. So setzen sich zwar drei Viertel der Unternehmen, die sich mit dem digitalen Wandel beschäftigen, mit der Digitalisierung ihrer bestehenden Geschäftsprozesse auseinander. Nur ein knappes Drittel der Betriebe (29,6 Prozent) arbeitet hingegen an der Veränderung bestehender Geschäfts- und Preismodelle.

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Die Ergebnisse zeigen: Das Bewusstsein für Veränderungen durch die Digitalisierung ist bei den Unternehmen in Deutschland durchaus vorhanden. Bei der Auseinandersetzung mit den im Kern disruptiven Veränderungstreibern wie neuen Geschäftsmodellen, digitalen Produkten, Big Data oder künstlicher Intelligenz zeigen sich die Betriebe trotzdem zurückhaltend. Die Anstrengungen der Unternehmen beschränken sich auf punktuelle Verbesserungen prozessorientierter Anwendungsfälle wie die Digitalisierung bestehender Prozesse, Online-Marketing oder den Einsatz neuer CRM-Tools. Noch ist der Veränderungsdruck in vielen Unternehmen offenbar nicht so hoch, als dass sie Anpassungen ihres Geschäftsmodells unmittelbar als Priorität wahrnehmen.

Titelbild: ©ipopba (istockphoto.com)

Der dritte Teil mit Fokus auf Banken und Sparkassen erscheint voraussichtlich am 05. Februar 2020

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Über den Autor

Christian ist seit 2011 Geschäftsführer bei der Star Finanz und verantwortet u.a. die Bereiche Markt und Finanzen. Beruflich und privat ist er leidenschaftlich interessiert an Banking- und Payment-Themen und vor diesem Hintergrund umfassend über aktuelle Entwicklungen und Trends informiert. Abseits des Büros engagiert sich Christian beim Kolpingwerk, ein katholischer Sozialverband, der sich u.a. um Jugendarbeit und soziale Projekte kümmert. Darüber hinaus verstärkt er die Tischtennis-Kreisligamannschaft seiner Heimatstadt, wenn es der Terminkalender zulässt.

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